• BoB

Leben ohne Tutorial: Fünf Finger Rabatt 

Aktualisiert: 20. Aug 2019



Noch während mir die trauernde Witwe von ihrem Unglück erzählt und man im Hintergrund den kranken, kleinen Timmi röcheln hört, scanne Ich schon den Raum nach eventuellen Wertsachen ab. Kaum hat Sie ihre Schilderung abgeschlossen und mir die Questziele gegeben, führt mich mein nächster Weg auch schon zu ihrer Kommode. Die Ausbeute ist überschaubar: Ein Apfel. 

Skandalös wenn man bedenkt, dass die Familie hungert, natürlich entferne ich den unsachgemäß gelagerten Gegenstand und überführe ihn in bessere Hände. Meine eigenen. Auf den Weg hinaus, tätschel Ich den Kopf des kleinen Timmi und klopfe nebenbei seine Taschen nach Kleingeld ab.

Als Held in einem RPG ist die Welt mein Honigtopf. Jeder Passant auf der Straße wird im Vorbeigehen gefilzt. Stadtwachen werden Kleidung, Waffen und Familienandenken schneller abgenommen als die Klamotten beim bezahlten Koitus. Keine Tür bleibt verschlossen, im Zweifelsfall dient der Einbruch der Weltrettung. Die korrupten Wachen winken mich durch, kennen mich beim Vornamen, die Gefängnisse haben Drehtüren für mich.

In manchen Spielen verliere Ich Karma, wenn ich stehle. Weniger Karma, dafür eine vierläufige Anal-Intruder Phasenkanone. Karma ist eine Bitch, aber mit der Phasenkanone löse Ich 99 Probleme und eine Bitch ist keines davon.

Es kommt vor, dass mich jemand beim Klauen erwischt. Meist bleibt dort, wo der Zeuge stand dann nur noch ein rauchender Krater. Wo kein Richter, da kein Henker. Das kann man wörtlich nehmen. Meine Schleichfähigkeit ist meist so hoch, dass Schatten neben mir wie ein Feuerwerk wirken. Ich bin eine Briese, die durch den Haupteingang weht und dir dein Bett klaut während du drin liegst. 

Da alle Dorfbewohner so dumm sind, wie Sie aussehen, kann ich auch im Kleid der Bürgermeisterin über den Marktplatz stiefeln, während mein Haupt mit der Krone des jüngst verstorbenen Kaisers Uriel Septim verschönert wird. Alle bewundern meinen modischen Mut, keiner wundert sich über den toten, nackten Kaiser in der Seitengasse.

Ich werde immer dreister. Feinde räum Ich aus während wir kämpfen. Questgebern klaue Ich die Belohnung und nehme Sie als Anzahlung. Und beobachtet mich ein Ladeninhaber mit Argusaugen, stülpe Ich ihm einen Kochtopf über die Einzelhändlerrübe. 

Moral ist für mich eine Sexualpraktik mit Schreibfehler. Wenn mir eine ganze Stadt feindlich gesinnt ist, tilge Ich sie von der Landkarte. Der Zweck heiligt die Mittel, wenn die Welt mich als das abgrundtief Böse sieht, spende Ich einem Penner Geld bis sich die Moralwaage ausgeglichen hat. 

Danach nehme Ich ihm natürlich alles wieder ab. Ich bin doch nicht Krösus! Mir wächst doch kein Kornfeld in der Hand.

Dennoch gibt es Momente, da zweifle Ich. Ist es richtig alles zu stehlen? Ich bin doch der Dovhakin/ Mohadib/ Auserwählte/ Einsame Wanderer/ Hexer/ Jedi/ Legendäre Held?

Vielleicht sollte Ich die moralische Messlatte höher legen als Fußknöchel hoch. Ist Respekt nicht mehr wert, als die vierläufige Phasenkanone?  Was nützt mir der virtuelle Zaster, wenn Kinder bei meinem Anblick weinen? Und während Ich so darüber nachdenke, habe Ich schon in den Taschen einer jeder Wache der Stadt eine Fernzünder-Mine platziert. Ich bin vielleicht nicht der Held, den die Bewohner dieser Welt verdienen. Aber Ich bin der Held, den Sie brauchen. Man stirbt als Held oder lebt lange genug, um zum Schurken zu werden. 


“Warum warten?” sage Ich und betätige den Fernzünder.  Und während die örtlichen Sicherheitskräfte sich in menschliche Pinatas verwandeln, nutze Ich den Tumult um dem Bürgermeister den goldenen Prinz Albert Ring zu stehlen. Das Schicksal hat sein Portmonee liegen lassen und das Fundbüro hat geschlossen.

Besuche Ich Winterfell/ Albion/ Megaton wundern sich die Leute wie aufgeräumt ihre Behausungen wirken, wie leer ihre Speisekammern, wie geschändet ihre Familiengräber. Worüber sich keiner wundert ist, warum ich das Gerippe von Pastor Glen hinter mir herziehe. Als Spieler in der Welt genieße Ich Sonderrechte. Ich bin die Ausnahme von der Regel. Warum sollte Ich die Welt ernst nehmen, wenn Sie alles tut, um mich auszuklammern. 

Manche Spiele schicken mich in den Kerker, wenn Ich zu unverschämt werde. Das Ende vom Lied, sing Ich mit einem coolen Knastbart im Gesicht und den Schlüsseln des Gefängniswärters in der Hand. 

Alle Händler lieben mich, bin Ich doch ihr bester Kunde. Das ihre Familien trotz des blühenden Geschäfts immer vor leeren Regalen stehen, scheint niemanden zu stören.  Mich am wenigsten.

Ich trage jetzt Klamotten, zu denen ein Zuhälter nur "Is zuviel" sagen würde. Meine Stiefel passen Bettlerschädel ergonomisch der Sohle an. Mein Pelzmantel wäre einem Mammut zu groß. Ich habe mehr Gold am Leib, als eine Mine im Jahr abwirft. Trotzdem habe Ich meine Wurzeln nicht vergessen. Kleine Kinder haben immer was in den Taschen. 


Und am Ende meines Raubzugs Abenteuers, erschlage Ich den Drachen/Erzmagier/Kommandanten/Außerirdischen und rette die Welt. Jedenfalls das was noch von ihr übrig ist. Dann freuen sich alle und haben schon vergessen das sie mehr verloren haben als gewonnen. Macht aber nichts. Die Freude währt nicht lange, schon bin Ich dabei die Welt zu entvölkern, um auch den letzten Gegenstand zu erlangen, wartet doch schon New Game + mit vielen neuen Schätzen auf mich.



Held kommt von behalten und Moral funktioniert nur mit Konsequenzen.

Wenn Ich dir, werter Leser, jetzt noch etwas Zeit stehlen könnte, würde Ich diese in Kommentare investieren. Schließlich ist Diebstahl in Videospielen (k)ein Kavaliersdelikt und verdient eine unfaire Verhandlung. Want to add a caption to this image? Click the Settings icon.



  • Instagram - Weiß Kreis

© 2023 by TheHours. Proudly created with Wix.com

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now