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Sayonara, Langeweile!



"Brüder und Schwestern!

Ich war blind. Blind sage ich! 

Doch der Herr öffnete meine Augen mit schalmeien Beats und tighten Rhythmen.

Auch ich wanderte in der Finsternis. Der Finsternis der Unmusikalischen. 

Ich habe die Worte unseres Propheten "Rez" vergessen, die da lauteten:

"Gehe hin und tanze dabei."

Oh Brüder und Schwestern.

Der taktlose Teufel hatte mich in seinen arhythmisch wippenden Klauen.

Bekomme ich ein Amen?

Doch ich wurde befreit. Befreit sage ich!

Der Messias trat die Tür zu meinem Herzen ein und wie ein Faustschlag traf mich seine Kunde!


"Siehe, du dummer Penner: Sayonara Wild Hearts ist gekommen. NUN wirst du abrocken und zwar heftig!"

Und, Brüder und Schwestern, mit zitternder Hand nahm ich den, vom Erlöser dargebotenen, Controller und ich sah, dass es ein Videospiel war."



Die Hauptfigur bewegt sich mit ausdrucksstarken Posen und Tanzbewegungen durch die Level

Sayonara Wild Hearts für Apple Geräte und die Nintendo Switch vom Entwickler Simogo kostet 12€ und ist jüngst Erschienen.

Genug der Fakten. Ich schreibe hier ja nicht für die Bild.


Sayonara Wild Hearts (SWH) ist eine Offenbarung. Vom ersten Moment im Titelbildschirm bis zum Abspann, wird hier visuell ein Pop Album konstruiert, welches in dieser Form einzigartig und noch nie dagewesen erscheint.

Ein Amalgam aus Narrative und Stimulanz. Spiele wie diese sind gemeint, wenn man von Videospielen als Kunst spricht, weil hier die Möglichkeiten des Mediums vollständig genutzt werden, um ein formvollendetes Stück Software zu erschaffen.


Eigentlich wollte ich keine Reviews mehr schreiben. Mich überkam immer eine alles vernichtende Leere, wenn ich über den nächsten Activision-Titel, das neuste Ubisoft-Projekt oder über EA schreiben musste. Triple-A Spiele waren für mich wie ein kleiner Kirby in meiner Seele. Nur statt leckeres Obst, saugte er meine Freude auf. 


Man könnte sagen, die Branche hat mein Herz gebrochen. Für manch einen bedeutet das: Ben & Jerry's-Eiscreme und nie wieder duschen. Für die Hauptfigur in Sayonara Wild Hearts bedeutet es: Auf einem Motorrad über Myriaden von Sternen rasen, bis das Adrenalin aus der Nase spritzt.


SWH ist optisch ein Hybrid aus dem Kultspiel Rez, dem LSD-geschwängerten Thumper und Tempest. Das Spiel schafft es minimalistische Darstellung mit Bombast und Vielfalt zu verknüpfen, während es die Spielerinnen und Spieler mit Kazazoo Farbbomben bewirft. Durch die hohe Geschwindigkeit des Gameplays und die farbliche Vielfalt kann es zwar zu "Motionsickness" kommen. Der daraus resultierende Kotzstrahl fügt sich aber nahtlos in die Präsentation ein und kann das Spielerlebnis somit sogar noch steigern. 



Das Spiel begeistert mit einer außergewöhnlichen und kontrastreichen Optik.


Das Gameplay selbst ist, ganz im Kontext der Spielgeschichte, im steten Wandel. Allerdings gibt es eine klar erkennbare Struktur. Es wechselt sich ein "Endless runner"-Segment, in dem man versucht möglichst viele Herzen zwecks hohen Abschlussrang zu sammeln, mit kurzen Reflex/QTE Sequenzen ab, in welchen gutes Timing mit hohen Punkten belohnt wird. Dazwischen finden sich kurze Intermezzi, in welchen man das Fahrzeug und die Perspektive wechselt, oder sich die Welt zu den harschen Beats eines schweren Dubsteps völlig verzerrt. Am Ende eines jeden "Kapitels" werden alle Elemente in schneller Kadenz verbunden und in einem Endgegner Kampf abgefordert.


Der Mecha-Cerberus ist nur einer der Dämonen, denen man sich auf einer der Etappen stellen muss

SWH bietet für erfahrene Spieler ein komplexes Spielerlebnis. Zeitgleich schafft es eine leichte Zugänglichkeit für Anfänger, in dem das Spiel, wie in manchen Nintendo-Titeln, bei häufigen scheitern die Chance zum Überspringen eines Abschnitts anbietet - welche man mit Erfahrung natürlich ablehnt, sofern man auch nur einen Funken Stolz im Körper hat.


Das Element, dass SWH allerdings über andere Rhythmus/Runner Titel erhebt, ist die Musik und deren klare Strukturierung, sowie die Verbindung von Sound und Story.

Nicht umsonst wird SWH als interaktives Pop-Album bezeichnet. Wir vollziehen die klassische Formulierung einer Komposition interaktiv und geben der Musik somit die Chance eines tieferen Eindrucks. Das klingt jetzt kompliziert, wenn man allerdings zu den energischen Beats einer Powerballade durch eine zusammenbrechende Stadt fliegt um einem Antagonisten einen Uppercut zu verpassen, ergibt der obrige Satz sinn. 





Bei allem Lob für die Präsentation und die Anerkennung für die fantastische Darstellung des Endes einer Beziehung und dem daraus resultierenden Heilungsprozesses, sollte man nicht vergessen, wie sehr Sayonara Wild Hearts rockt. Das Spiel dauert maximal eine Stunde und 15 Minuten. Die kurze Spielzeit fühlt sich durch das Feuerwerk an Ideen und die stetig wechselnden Themen aber eher nach fünf Minuten an und lädt zum erneuten Durchspielen ein. Nicht umsonst habe ich SWH sofort nach dem Ende der Credits neugestartet.


Am Ende der Verarbeitung von Trauer und Herzschmerz steht die Versöhnung mit sich selbst. Dem Drachen als letzten Dämonen begegnet man mit Liebe an Stelle von Gewalt.

Wer schon immer mal einen Mecha-Cerberus auf einem Hirsch reitend bekämpfen wollte, der sollte zugreifen.

So etwas habe ich in meinen 36 Jahren maximal vier mal erlebt. Sayonara Wild Hearts ist ein Liebesbrief an Videospiele und reiht sich nahtlos ein in die Riege der wichtigsten und besten Musiktitel. 



Für mich ist es eines der besten Musikspiele aller Zeiten und ich habe Rez gespielt. 

Let's pop.

Amen.



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